Wie ELCA in Rumänien und Tschechien zwei unterschiedliche Wege der Klimatransformation eröffnete
Eine Impact-Story aus der Perspektive der Projektleitung
Wenn man Transformationsforschung ernst nimmt, darf man Projekte nicht als Maßnahmenpakete denken – sondern als Möglichkeitsräume.
Als wir ELCA konzipierten, war die Ausgangsfrage nicht:
Welche Aktivitäten setzen wir um?
Sondern:
Welche Strukturen brauchen Kommunen, um langfristig handlungsfähig zu werden – auch wenn Förderprogramme enden, politische Mehrheiten wechseln oder Krisen die Agenda verschieben?
ELCA wurde deshalb nicht als Eventprojekt, sondern als Transformationsarchitektur entworfen.
Und diese Architektur wurde in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten getestet:
in der post-katastrophischen Landschaft Südmährens – und im politisch volatilen, institutionell fragmentierten Kontext Rumäniens.
Beide Länder wurden damit zu lebendigen Reallaboren für unterschiedliche Transformationspfade.
Zwei Länder – ein Spektrum möglicher Umsetzungsszenarien
Ich sehe ELCA heute als Spektrum zwischen zwei Polen:
Rumänien: Institutionalisierung unter politischer Instabilität
Tschechien: Resilienzaufbau im Post-Krisen-Territorium
Beide Wege sind nicht Gegensätze. Sie sind zwei Ausprägungen desselben Transformationsprozesses.
Tschechien: Transformation als Wiederaufbau
Als wir in Podluží, Südmähren starteten, war die Landschaft noch gezeichnet vom Tornado 2021.
Doch die sichtbare Zerstörung war nur die Spitze eines viel älteren Problems: Dürre, Bodenerosion, Landschaftsentleerung.
Hier stellte sich Transformation nicht als abstrakte Zukunftsvision, sondern als sehr konkrete Frage:
Wie bauen wir so wieder auf, dass wir nicht nur reparieren, sondern resilienter werden?
In Tschechien entstand ELCA als praxisnahes Dreieck:
1. Menschen qualifizieren (Klimaschutzmanager:innen)
2. Konkrete Fahrpläne entwickeln (Klimaschutzaktionspläne)
3. Einen physischen Anker schaffen (Climate Community Center)
Was mich besonders beeindruckt hat: Der Wiederaufbau wurde zu einem mentalen Wendepunkt.
Kommunalpolitiker:innen begannen, Investitionen nicht nur nach Kosten zu bewerten, sondern nach ihrer Wirkung auf die territoriale Resilienz.
Hier wurde Transformation greifbar. Nicht ideologisch. Nicht abstrakt. Sondern in Regenwasserrückhalt, Baumpflanzungen, Schattenplätzen, Energieeffizienz.
Tschechien steht im ELCA-Spektrum für:
• praxisorientierte Implementierung
• kommunale Selbstermächtigung
• Transformation durch konkrete territoriale Erfahrung
Es ist das Szenario: „Resilienz entsteht aus der Krise.“
Rumänien: Transformation durch Institutionalisierung
Rumänien war ein anderer Kontext.
Hier war die zentrale Herausforderung nicht ein einzelnes Extremereignis – sondern strukturelle Fragmentierung, politische Volatilität und fehlende Governance-Verankerung.
Während wir arbeiteten, wurden Präsidentschaftswahlen annulliert. Vertrauen in Institutionen war brüchig.
In einem solchen Umfeld bedeutet Transformation zunächst: Strukturen schaffen, die politisches Rauschen überleben.
Deshalb wurde ELCA in Rumänien anders wirksam:
• Ausbildung spezialisierter Klimamanager:innen als professioneller Kern
• Gründung des Climate Action Support Center (CASC)
• Einrichtung eines Climate Council als dauerhafte Governance-Plattform
Hier ging es weniger um einzelne Pilotmaßnahmen, sondern um die Frage:
Wie baut man institutionelle Resilienz?
Die Universität wurde zum Klimahub. Wissenschaft wurde nicht nur Wissenslieferant, sondern Governance-Akteur.
Rumänien steht im ELCA-Spektrum für:
• institutionelle Verankerung
• Multi-Level-Governance
• Aufbau dauerhafter Entscheidungsstrukturen
Es ist das Szenario: „Resilienz entsteht durch Institutionen.“
Was beide Länder verbindet: Die Architektur dahinter
Ob Tornadoregion oder politisch instabiler Kontext – die zugrunde liegende Transformationslogik war identisch. ELCA basiert auf drei systemischen Bausteinen:
1. Menschen – Ohne qualifizierte Akteur:innen bleibt Klimapolitik Papier.
Klimamanager:innen wurden zu Übersetzer:innen zwischen EU-Zielen und kommunaler Realität.
2. Instrumente – Klimaschutzaktionspläne waren keine Strategiepapiere für die Schublade, sondern Entscheidungswerkzeuge mit Priorisierung, Finanzierungslogik und Umsetzbarkeit.
3. Räume – CASC in Rumänien. Climate Community Center in Tschechien.
Physische und institutionelle Orte, die Diskontinuität verhindern.
Transformation als Spannungsfeld
Aus der Projektplanung habe ich gelernt:
Transformation verläuft nicht linear. Sie bewegt sich im Spannungsfeld von:
• politischer Unsicherheit
• administrativer Überlastung
• öffentlicher Skepsis
• und struktureller Trägheit
In beiden Ländern begegneten wir:
• begrenzten kommunalen Kapazitäten
• konkurrierenden Interessen in der Landschaft
• Desinformation
Doch gerade hier zeigte sich die Stärke des Designs: ELCA setzte nicht auf schnelle Symbolpolitik, sondern auf strukturelle Tiefenwirkung.
Das eigentliche Impact-Level
Wenn ich heute gefragt werde, was der größte Impact war, dann antworte ich nicht mit der Zahl der Workshops oder Aktionspläne.
Der größte Impact ist:
• dass Klimaschutz in beiden Kontexten von einem externen Projekt zu einem internen Thema wurde;
• dass Kommunen beginnen, Investitionen mit Resilienz zu verknüpfen;
• dass Governance-Strukturen entstanden sind, die politisches Wechselspiel überdauern können.
In Rumänien wurde ein institutionelles Rückgrat geschaffen. In Tschechien wurde territoriale Resilienz praktisch erprobt.
Gemeinsam zeigen beide Länder: Transformation ist kein Einheitsmodell. Sie ist ein Spektrum.
ELCA als Replikationsmodell
Aus transformationswissenschaftlicher Perspektive lässt sich ELCA als modularer Baukasten beschreiben:
• Modul A: Kompetenzaufbau
• Modul B: Operative Planung
• Modul C: Institutionelle Verankerung
Je nach Kontext kann ein Land stärker mit einem Modul beginnen.
• Krisenkontext? → Praxisnahe Resilienzmaßnahmen.
• Governance-Defizit? → Institutionelle Infrastruktur zuerst.
Diese Flexibilität ist die eigentliche Innovationsleistung des Projekts.
Persönliche Reflexion
Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, sehe ich keine lineare Erfolgsgeschichte.
Ich sehe Dynamik. Reibung. Lernschleifen. Momente des Zweifelns – und Momente, in denen plötzlich etwas kippt.
Transformation passiert nicht geräuschlos. Aber sie passiert auch nicht als Schlagzeile.
Sie entsteht dort, wo Menschen beginnen, anders zu handeln.
Ich habe erlebt, wie aus vorsichtigen Gesprächen entschlossene Strategien wurden.
Wie aus Einzelakteur:innen Netzwerke entstanden. Wie aus Skepsis gemeinsame Energie wurde.
Und ich sehe heute eine enorme Durchschlagskraft – nicht, weil wir besonders laut waren, sondern weil wir Strukturen mitverändert haben.
Wenn ein Bürgermeister bei jeder Investitionsentscheidung automatisch fragt: „Wie wirkt sich das auf Wasserretention und Hitzeminderung aus?“
Wenn eine Universität sich nicht mehr nur als Wissensproduzentin versteht, sondern als aktiver Klimahub ihrer Region.
Wenn Kommunen beginnen, voneinander zu lernen, statt isoliert nebeneinander zu arbeiten.
Dann ist das kein Projektoutput mehr. Dann ist das kultureller Wandel.
Was mich am meisten beeindruckt, ist die gemeinsam generierte Energie.
Eine kollektive Kraft, die entsteht, wenn Menschen merken: Wir sind nicht allein mit dieser Aufgabe.
In Rumänien und in Tschechien habe ich erlebt, wie sich Verantwortungsgefühl multipliziert.
Wie sich Motivation überträgt. Wie Handlungsfähigkeit ansteckend wird.
Das ist die eigentliche Transformationskraft.
ELCA war nie nur ein Projekt. Es war ein Resonanzraum.
Ein Raum, in dem Ideen auf Praxis trafen. In dem Wissenschaft auf Verwaltung traf. In dem Krise auf Gestaltungswillen traf.
Und genau dort liegt der Impact. Nicht in der Projektlaufzeit. Nicht im Förderzeitraum.
Sondern in der strukturellen Verschiebung, die bleibt.
In Routinen, die sich verändert haben. In Netzwerken, die weiterarbeiten.
ELCA ist keine abgeschlossene Geschichte. Es ist ein System, das in Bewegung geraten ist.
Viola Helwig
– Project Management –
Dipl. Agr.-Biol.;
Internationale Projekte